Zeitgeschichte und Politik

Zeitgeschichte stellt ein wichtiges Segment des Sachbuchsektors dar. Dass BuchautorInnen, darunter nicht wenige JournalistInnen, zeitnah ausführliche Schilderungen von Kriegen, von Revolutionen und Umstürzen, von Demokratien und Diktaturen vorlegen, ist kein allzu neues Phänomen.

AutorIn: 
Alexander Kluy


So hatte es 1898 ein 24-jähriger ehrgeiziger englischer Journalist durchgesetzt, im Spätsommer jenes Jahres als Kavallerieleutnant an der Kampagne gegen den Mahdi, der ein Heer gegen die Briten führte, im Sudan teilzunehmen – ein halbes Jahr später lag in Londons Buchhandlungen ein 998 Seiten starkes Buch mit 23 Ausfaltkarten, 34 Karten und sieben Porträtfotografien aus. Der Titel: "The River War. A Historical Account of the Reconquest of the Soudan", deutscher Titel: "Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi".(1) Der Erfolg war groß, mehrere Auflagen folgten rasch aufeinander, bald auch eine vom Autor gekürzte Ausgabe. Dieser Band über ein Ereignis der unmittelbaren Zeitgeschichte machte seinen Autor weithin bekannt und gab seinen Ambitionen in der Politik einen entscheidenden Auftrieb. Sein Name: Winston Churchill. 

 

Jubiläen

Das seit 1900 immer stärker aufkommende und immer schneller produzierende Pressewesen, in Kommunikation mit globaler Kommunikation, hat zeithistorische Publikationen maßgeblich befördert. 

 

Zwischen den Weltkriegen akademisch kaum anerkannt, hat Zeitgeschichte nach 1945, nach Kriegen, Diktaturen und der Schoa, einen starken Schub erfahren. Ging es doch nun in der westlichen Hemisphäre darum zu verstehen, wieso die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts so verlaufen war. 

 

Eine kritische demokratische Öffentlichkeit mit immer zahlreicheren und vielfältigeren Presseerzeugnissen forderte nach ausführlichen Beschreibungen und Analysen von heißen Konflikten von Korea über Algerien bis Vietnam in der Zeit des Kalten Krieges. 

 

Aus Reportagen erwuchsen umgehend zeithistorische Publikationen, da Buchverlage hierfür interessierte Zielgruppen und Käuferschichten ausmachten. Diese Bücher machten ihre Verfasser und Verfasserinnen berühmt, so den deutschen Fernsehjournalisten Peter Scholl-Latour ("Der Tod im Reisfeld"), oder zu gefragten Gesprächspartnern auf Podien wie hinter den Kulissen, beispielsweise den gebürtigen Franken und US-Amerikaner Henry Kissinger nach dem Ende seiner aktiven politischen Karriere. 

 

Von herausgehobener Bedeutung für zeitgeschichtliche Publikationen sind ebenfalls Jahrestage wie zum Beispiel 25 Jahre Fall der Berliner Mauer, 50 Jahre Kubakrise, 20 Jahre Irakkrieg. Zu wiederkehrenden Stichtagen sind Verlage bereit, über diese Ereignisse, Begebenheiten, theoretisch gebliebenen oder tatsächlich ausgefochtenen Konflikte Bände vorzulegen, die sie auf ganz unterschiedliche Weise umkreisen und reflektieren. Dabei reicht die Darstellungsweise von persönlich und subjektiv gefärbt, darunter auch Augenzeugenberichte, bis zu Monografien, die strengen wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. 

 

Dazu gesellen sich auch Themenfelder wie Wahlen, Wahlniederlagen und das Ende politischer Karrieren, einschneidende Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11. September 2001(2) oder das Aufdecken des Watergate-Skandals(3) und der Überwachungsaktivitäten amerikanischer Geheimdienste(4), ebenfalls Lebensmittelskandale und Umweltkatastrophen(5), politisch visionäre Konzeptionen wie die Europäische Union und deren verortete Nachtseiten und Akteure(6), kulturelle wie religiöse Diversitäten und Parallelitäten(7) oder ökonomische Malversationen wie Korruption, Bankenkollaps oder Geldstabilität.(8) 

 

Zeitnah 

Das Zeitnahe ist aber keineswegs eine Erfindung des digitalen 21. Jahrhunderts.Die Reihe rororo aktuell des Rowohlt Verlags in Reinbek bei Hamburg wurde 1961 lanciert. Bände über Aufrüstung und Militärpolitik wurden darin ebenso vorgelegt wie kritische Berichte über die katholische Kirche, über Arbeitsrecht, Umweltkatastrophen und Energie- und Spendenkrise, Menschenrechte und Menschenrechtsverletzungen, Obdachlosigkeit und Apartheid, AIDS und Österreichs Sozialisten nach Kreisky. Das Besondere an dieser zeithistorischen und zeitpolitischen Reihe war die Schlagschatten-Zeitnähe zu aktuell geführten Diskussionen in den Medien und der Öffentlichkeit und die rasante, im Regelfall äußerst knapp bemessene Entstehungszeit der Bücher zwischen Manuskriptbeginn und Auslieferung an den Buchhandel. 

 

Nah an der Politik

Autobiografien von PolitikerInnen und der Politik Nahestehenden sind in diesem Zusammenhang nichts allzu Neues.



In der jüngsten Zeit hingegen sind Selbstdarstellungen erschienen, die kaum mehr einen zeitlichen Abstand zu Rücktritten oder persönlichen Zäsuren ließen. So legte der infolge einer Rechtsklage wegen Vorteilsnahme als Bundespräident der Bundesrepublik Deutschland zurückgetretene Politiker Christian Wulff ein Buch vor, das Rechtfertigung und Selbstrechtfertigung in einem ist – kurz zuvor hatte seine von ihm geschiedene Ehefrau ein eigenes Buch präsentiert.(9) 

 

Und Valérie Trierweiler, Lebensabschnittspartnerin des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Hollande und vormals namhafte Journalistin, schrieb binnen weniger Monate nach dem Ende der Beziehung ein Buch, das nicht nur intime Offenbarungen in beider Privatleben und Gefühle bot, sondern auch Einblicke in Prinzipien der Staatsführung und den politischen Charakter Hollandes bot. Alle drei Bücher zogen große Aufmerksamkeit auf sich.(10) 

 

Was auch für Bruno Le Maires „Zeiten der Macht. Hinter den Kulissen internationaler Politik“ gilt. Der 1969 geborene konservative französische Politiker war bis 2012 Landwirtschafts- und Fischereiminister im Kabinett III von Nicholas Sarkozy. Der studierte Literaturwissenschaftler und Marcel-Proust-Spezialist erhielt für dieses Buch, das die Methoden des Regierens und des Agierens der politischen Klasse mit großer Präzision sezierte, 2013 in Frankreich den Prix du livre politique.(11) 

 

Anmerkungen:

(1) Winston S. Churchill: „Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi”. Aus dem Englischen und herausgegeben von Georg Brunold, Frankfurt am Main 2008

(2) Stefan Aust und Cordt Schnibben (Hg.): 11. September. Geschichte eines Terrorangriffs, Stuttgart 2003; William Langewiesche: American Ground. Unbuilding the World Trade Center, New York 2001; Lawrence Wright: Der Tod wird euch finden. Al-Qaida und der Weg zum 11. September, München 2007

(3) Ben Woodward und Carl Bernstein: Die Watergate-Affäre, München 1974; Ben Woodward: Der Informant. Deep Throat, die geheime Quelle der Watergate-Enthüller, München 2007

(4) Glenn Greenwald: Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen, München 2014

(5) Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, Berlin 2008; dies.: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus, Berlin 2013

(6) Margaretha Kopeinig: Jean-Claude Juncker. Der Europäer, Wien 2014

(7) Petra Stuiber: Kopftuchfrauen. Ein Stück Stoff, das aufregt, Wien 2014

(8) Gabriela Moser und Katharina Schmidt: Die Akte U. Das Protokoll des Untersuchungsausschusses, Wien 2013; Jens Ivo Engels: Die Geschichte der Korruption. Von der Frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2014

(9) Christian Wulff: Ganz oben ganz unten, München 2014; Bettina Wulff: Jenseits des Protokolls, München 2012

(10) Valérie Trierweiler: Merci pour ce moment, Paris 2014

(11) Bruno Le Maire: Zeiten der Macht. Hinter den Kulissen internationaler Politik, Reinbek 2014

 

 

Zurück ...