Manchmal bin ich Stimmen – Über das Vorlesen

Vorlesen ist ein Vergnügen. Abgesehen von der Freude am Lesen sollten die VorleserInnen aber auch gewisse technische Kniffe beherrschen, um sich beim Publikum Gehör zu verschaffen. Die hier zusammengestellten Tipps und Tricks helfen beim Sprechen und Vortragen.

AutorIn: 
Christoph Mauz


Es ist halb acht in der Früh, ich bin schon seit zwei Stunden unterwegs, der Kaffee, den mir die ÖBB gereicht hat, war gar nicht einmal so gut – und ich bin trotzdem putzmunter: Heute geht es nämlich wieder einmal ans Lesen. Ans laute Lesen vor Publikum; der pädagogische Volksmund nennt so was „Dichterlesung“. Das Publikum sind, auf etliche Schulstunden verteilt, ein paar Hundert Kinder. Mich freut’s, denn ich bin eine echte Rampensau und liebe es, Kinder zu unterhalten.

 

Das ist nicht immer einfach; Kinder sind ein anspruchsvolles und ehrliches Publikum. Wer nicht zu hundert Prozent bei der Sache ist, der fällt gnadenlos durch und erntet Gähnen, Gezappel und beinharte Manöverkritik. Bei einer Lesung dürfen Sie alles, nur langweilen dürfen Sie nicht. Eine Lesung ist für mich eine Herausforderung, deren Meisterung mich jedes Mal stolz macht. Besonders dann, wenn mir der Lehrkörper zu verstehen gegeben hat, dass die lauschende Gruppe nicht „ganz einfach“ wäre. Zum Glück kann ich meinen Exotenbonus nutzen: Ich sehe die jungen Damen und Herren nicht jeden Tag und bin vermutlich etwas unterhaltsamer als der Mathelehrer. Und ich verfüge mittlerweile über ein Repertoire, das verschiedene Altersgruppen, Ansprüche und Interessen abdeckt.

 

Eine Lesung soll vor allem unterhaltsam sein; das Publikum und die eigenen Nerven werden es danken. Unterhalten kann man auf unterschiedlichem Niveau und in verschiedenen Gefühlslagen – vorausgesetzt, man will. Vor vielen Jahren hat mich, der ich damals noch ein Frischling war, bei einem Hotelfrühstück Christian Bieniek gefragt, warum ich so grimmig aus der Wäsche blicke. Ich habe kokett geantwortet: Weil ich jetzt schon wieder „lesen“ müsse. Ich hatte damals den Eindruck, das gehöre zum guten Ton unter lesereisenden Autoren, sich gestresst zu geben. Christian hat den Kopf geschüttelt und gebrummt: „Also, mir macht’s immer Spaß!“ Das hat gesessen, denn Christian, den bewundere ich aufrichtig; seine Lesungen gehörten zum Spannendsten und Turbulentesten, was literaturgesegneten Schülern passieren konnte. Seitdem pfeif ich auf den guten Ton und trage meinen Drang, öffentlich zu lesen, stolz vor mir her. Mir macht’s nämlich auch immer Spaß. Und wenn das Publikum mich nach der Lesung lobt („Cool!“, „Super Geschichte, aber schreiben Sie auch Bücher über Nacktschnecken?“  oder gar „Sie sind ein begnadeter Vorleser!“), dann geht das runter wie Honigseim.

 

Abgesehen von der Freude am Lesen sollte der/die Vortragende gewisse technische Kniffe beherrschen, um sich überhaupt und dauerhaft Gehör verschaffen zu können. Im folgenden habe ich einige Tipps und Tricks zusammengestellt, die Ihnen dabei helfen sollen. Frisch ans Werk!

 

Einige Übungen zur Interpretation eines Textes

 

Emotionen

In vielen Texten kommen neben dem Erzähler auch noch andere Figuren jedweden Geschlechtes und in verschiedenen emotionalen Grundstimmungen vor. Die hat der listige Autor/die schlaue Autorin nur zu dem Zweck eingefügt, um uns TextinterpretInnen so richtig zu fordern.

 

Übung Nr. 1: Paul warf sich vor Isabella auf den Boden und schluchzte: „Auweh, ich hab mir auf die Zunge gebissen!“ Stellen Sie sich vor den Spiegel und erzählen Sie sich schluchzend, dass Sie sich auf die Zunge gebissen haben. Der Spiegel ist wichtig, damit Sie wissen, wie Sie bei Lesungen aussehen, wenn Sie schluchzen, kichern oder brüllen! Trauen Sie sich! Noch sind Sie ja alleine! Niemand hört Sie, niemand sieht Sie. Noch nicht! Nehmen Sie sich danach auf Tonband auf und hören Sie sich selber zu. Wichtig ist, dass die Zuhörerinnen trotz aller interpretatorischen Gefühlswallungen den Text noch verstehen können. Denn uns muss klar sein: Das Publikum kommt wegen der Texte und nicht, weil es uns beim Schluchzen zuhören und -schauen will.

 

Übung Nr. 2: Wenn Sie mit dem Schluchzen fertig sind, suchen Sie sich eine lustige Stelle aus einem Buch. Etwa: Paul warf sich vor Isabella auf den Boden und jubelte: „Hurra, ich hab mir heute noch nicht auf die Zunge gebissen! Es ist eine Lust zu leben!“ Sie wiederholen die Übung und die Tonaufnahme, nur dass Sie jetzt bitte jubeln statt schluchzen.

 

Übung Nr. 3:  Wir drehen die Emotionen in den Textstellen um. Jubeln Sie sich nun bitte vor, dass Sie sich auf die Zunge gebissen haben, und schluchzen Sie sich dann vor, dass es eine Lust wäre zu leben. Das machen Sie so lange, bis Ihnen Ihr Goldfisch mit der Entmündigung droht. Dann sind Sie reif für die nächste Stufe.

 

Archetypen

Wenn Sie einen Text still lesen, haben Sie bestimmte Vorstellungen davon, was für „Typen“ die handelnden Personen sind. Ist jemand ein „Gscheiterl“ oder eine „Dumpfbacke“, ist er präpotent oder freundlich, ist er alt oder jung, alkoholisiert, aristokratisch, neureich, von Seelenadel oder ein „Orscherl“ … Alle diese Eigenschaften haben einen eigenen Klang, den Sie für sich herausarbeiten müssen.

 

Übung Nr. 4: Sie nehmen sich zum Beispiel aus Goethes Faust das Vorspiel auf dem Theater. Zuerst lesen Sie die ersten zwei Absätze ein paar Mal still, um den Rhythmus zu finden, dann ein paar Mal neutral und laut, um diesen Rhythmus weiter zu verinnerlichen. Dann setzen oder stellen sie sich wieder vor den Spiegel und lesen den Text laut so, als würde ihn ein Wiener Hausmeister vortragen oder ein manisch-depressiver Forstadjunkt oder Mausi Lugner oder Toni Polster. Versuchen Sie es! Es macht Spaß, und der Herr Geheimrat wird’s schon aushalten.

 

Schnell/Langsam

Sie verstehen den Text ja auf jeden Fall, weil Sie sich gut auf die Lesung vorbereitet haben. Aber versteht das Publikum den Text ebenfalls? Viele Vorlesende machen den Fehler, zu schnell zu sprechen. Hören Sie sich selber zu und probieren Sie! Sobald sich bei Ihnen der Verdacht einstellt, Sie sprächen im Tempo des seligen Rudolf Kirchschläger, dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Irgendwann funktioniert das automatisch, aber am Anfang hilft so eine Metaebene fürs Sprachtempo enorm.

 

Laut/Leise

Weniger ist oft mehr! Sie müssen das Publikum nicht überbrüllen, das Publikum soll Ihnen gefälligst zuhören.

 

Übung Nr. 5: Stellen Sie sich in Ihr Wohnzimmer und sprechen Sie mit dem Kanari oder mit der Gondel auf dem Fernseher. Immer nur in der Lautstärke, in der Sie glauben, vom Kanari und der Gondel verstanden zu werden. Diese Übung funktioniert auch mit Topfpflanzen in leeren Klassenzimmern oder Turnsälen. Sie werden sehen, dass es auch leiser geht, und ihre Stimmbänder werden es Ihnen danken.

 

Atmung

Die Atmung ist das Um und Auf! Atmen Sie falsch, das heißt zu kurz, zu ruckartig, dann kommt Ihre Stimme nur aus dem Hals. Auch das schädigt die Stimmbänder. Grundsätzlich gilt: Sprechen ist Ausatmen! Ziehen Sie beim Sprechen den Bauch ganz vorsichtig immer weiter ein. Das Zwerchfell drückt die Luft nach oben, ihre Stimme wird druckvoller, ohne die Stimmbänder zu sehr zu belasten. Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Blasebalg! Machen Sie gelegentlich Übungen für die Bauchmuskulatur, das erhält das Zwerchfell beweglich.

 

Deutlich

Damit wir lernen, deutlich zu sprechen, eignet sich folgende

 

Übung Nr. 6: Sie suchen sich ein Wort, z.B. „Oachkatzelschwoaf“, und zerteilen es in die einzelnen Silben. Nun nehmen Sie ein bekanntes Gedicht, z.B. Rainer Maria Rilkes „Herbsttag“:

 

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los.

 

Nun nehmen Sie die einzelnen Silben des Wortes „Oachkatzelschwoaf“ und verteilen diese bunt gemischt über das Gedicht, zum Beispiel so:

 

Oach: Katz Schwoaf El. Schwoaf Katz El Oach Schwoaf Katz.

El Oach Schwoaf Katz El Oach El Schwoaf Katz Oach El,

Schwoaf Katz Oach El Schwoaf Oach El Schwoaf Katz Schwoaf.

 

Eine Batzenhetz, und es fördert Rhythmusgefühl und deutliche Aussprache.

 

Zwei Stunden vor der Lesung

Schön langsam fängt es im Bauch zu ziehen an, und in unserem Mund wird es eine Spur trockener. Ab jetzt wird es entbehrungsreich. Es gilt völliger Verzicht auf Kaffee und Zigarette! Beides ist nicht gut für die Stimme. Überhaupt sollten Sie heiße und kalte Getränke meiden. Auch Kohlensäure ist nicht gut, da es sonst passieren könnte, dass wir während der Lesung Geräusche produzieren, wegen denen das Publikum ganz sicher nicht gekommen ist. Am besten trinken Sie nur mehr zimmertemperiertes Leitungswasser oder stilles Mineralwasser. Aber auch nur in Maßen, denn Harndrang während der Lesung kann sich auf die Qualität des Vortrages auswirken. Machen Sie, am besten in einem stillen Winkerl, weil Sie sonst mit seltsamen Blicken bedacht werden, einige Übungen, um den Mundbereich aufzuwärmen und zu dehnen.

 

Übung 7: Einkauen: Machen sie weit ausholende Kaubewegungen. Mit und ohne Stimme. Produzieren Sie Lippenfürze, die Sie später in die Imitation eines Ottomotors übergehen lassen. Singen Sie ein Lied, das Ihnen gefällt. Sagen Sie kurz vor der Lesung ganz schnell ein paar Mal: WIP-WUP-WAP-WEP-WOP!

 

So, und jetzt gehen Sie auf die Bühne und zeigen dem p.T. Publikum, was eine Lesung ist.

 

 

Dieser Artikel ist erstmals im Fachmagazin für Kinder- und Jugendliteratur „1001 Buch“ 3/06 erschienen.

 

 

Literatur:

 

  • Vera Balser-Eberle: Sprachtechnisches Übungsbuch. Wien 2003
  • Barbara Maria Bernhard: Sprechtraining – Professionell sprechen auf der Bühne und am Mikrofon. Wien 2002
  • Michael Rossié: Sprechertraining – Texte präsentieren in Radio, Fernsehen und vor Publikum. München 2000
  • Tatjana Lackner/Nika Triebe: Rede-Diät. St. Pölten 2006
  • Wer gerne eine Rampensau reden und singen hört, dem sei folgender Tonträger ans Herz gelegt: Christoph Mauz und die Gespenstercombo: Hi-Ha-Horrorfilm!  Extraplatte, ISBN 3-221-16752-0

 

 

Zurück ...